Zu Besuch bei den Patenkindern

Am 02. April flogen Franz Zügner und ich nach Kathmandu, wo uns Bharat Rana schon am Flughafen erwartete. Er brachte uns zunächst in unser Hotel im Stadtteil Thamel, dem Zentrum für Touristen. Nachdem wir unser Zimmer bezogen hatten, machten wir uns auf um die Umgebung anzusehen. Als wir aus der Ruhe unseres Hotelgartens auf die Straße traten überfiel uns ein Gewirr von laut hupenden Motorrädern, klingelnden Fahrrädern, Rikschas und natürlich zahllosen Menschen, die wie wir zu Fuß unterwegs waren. Ich war überwältigt von den Eindrücken des bunten Treibens in den quirligen Straßen und an den zahlreichen Märkten.

Am nächsten Tag holte uns Bharat ab; wir fuhren zu seinem Haus und lernten dort seine Frau Mira kennen, die uns Dal Bhat servierte. Dieses Gericht wird auch schon zum Frühstück gegessen und dann weiter über den ganzen Tag verteilt. Überrascht wurden wir von einem Besucher: Bikash Bhatta, der ehemalige Patensohn von Franz, den dieser als 6-jährigen Jungen zur Schule schickte und der nun als fertiger Bauingenieur bei einem Staudammprojekt im Gebirge arbeitet. Großes Hallo und viele herzliche Umarmungen!

Bharat und Mira fuhren mit uns zur beeindruckenden Tempelanlage Swayambhunath, dem sog. Affentempel. Anschließend deckten wir uns noch mit Lebensmitteln ein, denn ab dem nächsten Tag war unser Quartier in den Bergen, in „Mira’s Home“ in Naldum.

Barbara Eckart mit ihren Patenkindern Anisha und Sapana

Bharat holte uns ab und dann ging es über „Straßen“, die zwar so genannt werden, aber für mich eine „Hölle pur“ waren, mit riesigen Schlaglöchern, Regenseen, Kühen in unterschiedlichen Größen, Verkehrspolizisten mit schwarzem Mundschutz gegen den unvorstellbaren Staub, und mit ohrenbetäubendem Gehupe, nach dem ca. 30 km entfernten Naldum, das wir nach 2 Stunden Fahrt erreichten. Dort empfing uns Mohan, der für unser Wohlergehen sorgen sollte. Es gab auch gleich wieder Dal Bhat.

Der nächste Tag begann spannend; ich sollte meine beiden Patenkinder treffen! Anisha und Sapana, zwei 6-jährige Mädchen. Wir fuhren mit Bharat nach Gairigaun zur Schule. Dort waren schon etliche Kinder und eine Lehrerin versammelt und alle schnatterten aufgeregt durcheinander.

Für eine „Fotosession“ nahm ich meine Beiden in den Arm. Für Sapana war das ok, aber Anisha scheute sichtlich zurück. Bharat erklärte mir dann, dass dieses kleine Mädchen aus der niedrigsten Kaste stammt und daher keine anderen Personen berühren darf! Schock!! Im Anschluss gingen wir zum „Haus“ von Anisha; steil bergauf, ohne wirklichen Weg. Es war eine Wellblechhütte, in der 4 große Betten standen und eine ca. 2 qm freie Fläche als „Küche“, „Wohnzimmer“ und „Badezimmer“ diente. Eine ältere Tante lebt dort mit 5 Kindern um die sie sich kümmert.

Am nächsten Morgen weckte mich Franz um 5 Uhr und flüsterte: das musst du dir anschauen! Wir sahen zum ersten Mal das Himalaya-Massiv in der aufgehenden Sonne. Dazu gab es ein Konzert von vielen Vogelstimmen und ansonsten nur Ruhe – Ruhe. Es war überwältigend!

Auf unseren Wanderwegen durch die Landschaft sahen wir kleine Mädchen – höchstens 4-jährig – die in der Hand eine große Sichel und an einem Band über der Stirn eine Kiepe trugen, die voll mit Blättern und Ästen als Futter für die Ziegen waren.

Bharat fuhr uns zu seinem Haus in Naldum. Dort fand ein Kochkurs für Frauen und Mädchen statt. Der Koch kam aus einem Hotel in Nagarkot und machte die Anwesenden mit Nudeln, Tomaten, Zwiebeln und Kartoffeln bekannt. Sie sollten lernen, dass man auch noch etwas anderes als Reis und Reis essen kann. Etwas Gesünderes. Wir aßen alle begeistert das Ergebnis! Ich lernte auch Dhana Maya kennen, die dortige Krankenschwester; sie führte uns durch die neue Krankenstation. Franz brachte ihr LED-Leuchten mit Fotovoltaik-Ladestationen, die sein Sohn Kurt gespendet hatte, und Taschenlampen mit Akkuladung durch Handkurbeln, die er selbst entdeckt hatte.

Wir blieben eine Woche in „Mira’s Home“, wanderten an Reis- und Gemüsefeldern und fleißigen Frauen und Männern vorbei, die den Bergen jeden Meter an Boden für ihren terrassenförmigen Acker abringen und genossen die herrliche Ruhe in einer wunderschönen Landschaft. „Back to the roots!“

Nach 2 weiteren Tagen in Kathmandu, an denen uns Mira und Bharat beim Shopping assistierten, den Bhoudhanath Tempel und danach die größte Hindutempelanlage der Welt zeigten, endete ein eindrucksvoller, schöner und informativer Urlaub in einer ganz anderen Welt!

Vielen Dank an Mira und Bharat, die unseren Aufenthalt organisierten und durch deren Hilfe wir das Leben in Nepal nicht nur als Touristen erleben durften.

Barbara Eckart